{"id":66161,"date":"2022-04-16T15:28:00","date_gmt":"2022-04-16T13:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/solo-tour\/"},"modified":"2023-09-22T13:35:44","modified_gmt":"2023-09-22T11:35:44","slug":"solo-tour","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/blog\/solo-tour\/","title":{"rendered":"Drei Zinnen in den Sextener Dolomiten &#8211; der Reiz der Solo Tour"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist ein echtes Abenteuer &#8211; und das jedes Mal aufs neue. Alleine unterwegs zu sein, hat f\u00fcr viele Wanderer und Bergsteiger einen ganz besonderen Reiz. Dennoch ist es f\u00fcr den einen oder anderen schwer nachzuvollziehen, was an einer<strong> Solo Tour<\/strong>\u00a0so fasziniert. Vielleicht k\u00f6nnte ein Einblick in mein letztes Abenteuer etwas mehr Klarheit schaffen.\u00a0Gerade, wenn ich mich an den vorwurfsvollen und zu gleich besorgten Blick meiner Mutter zur\u00fcckerinnere&#8230; &#171;Musst du das denn alleine machen?&#187;, fragt\u00a0sie mich, als ich Rucksack, Schlafsack und <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/bergschuhe\/\">Bergschuhe<\/a> ins Auto packe. Aber meine Antwort steht fest \u2013 mein Ziel sind die <strong>drei Zinnen in den Sextener Dolomiten<\/strong>.\u00a0<em>Das wird gro\u00dfartig<\/em>, denke ich mir w\u00e4hrend der Fahrt. In meiner Magengegend macht sich Vorfreude breit aber auch Skepsis. Was erwartet mich? Erreiche ich das, was ich mir vorgenommen habe?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Reiz-Solo-Tour-Zufriedenheit.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Reiz-Solo-Tour-Zufriedenheit.jpg\" alt=\"Ziel sind die drei Zinnen in den Sextener Dolomiten.\" style=\"width:350px;height:263px\" width=\"350\" height=\"263\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ziel sind die drei Zinnen in den Sextener Dolomiten.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-der-weg-zu-sich-selbst\"><strong>Der Weg zu sich selbst<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Obwohl es bei meiner Ankunft am Startpunkt schon etwas sp\u00e4t geworden ist, packt mich mein Entdeckergeist. Sofort ist klar, ich muss heute noch raus. Voller Enthusiasmus verlasse ich mein Auto, mein heutiges Schlafquartier und wandere los. Ein Blick auf die Uhr verr\u00e4t mir, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, um mein Ziel zu erreichen \u2013 die Nordwand der westlichen Zinne aus der N\u00e4he zu betrachten. Es d\u00e4mmert bereits und der Aufstieg \u00fcber das Ger\u00f6llfeld steht noch bevor. Keine Menschenseele weit und breit, um diese Zeit ist hier niemand mehr unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Auf das eigene Bauchgef\u00fchl verlassen<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn man jetzt im Team unterwegs w\u00e4re, w\u00fcrde man sich absprechen. Geht man noch hoch oder l\u00e4sst man es sein. Vier Augen sehen mehr als zwei, vielleicht hat mein Partner ja mehr Erfahrung und ich kann mich auf seine Einsch\u00e4tzung verlassen. Vor allem in einem unbekannten Gebiet ist das sehr beruhigend und angenehm. Doch hier ist niemand, den ich fragen k\u00f6nnte. So muss ich mich<strong> auf meine eigene Erfahrung verlassen<\/strong>, vielmehr jedoch auf mein Bauchgef\u00fchl. Also steige ich weiter auf. Ich wei\u00df, dass ich gut ausger\u00fcstet bin und wenn es sein muss, im Abstieg noch mal Gas geben kann. Ungern w\u00fcrde ich in die Finsternis kommen und mich auf einem der vielen kleinen Pfade im Ger\u00f6ll verlaufen. Ich ziehe mein Tempo noch mal an und komme durchgeschwitzt am Wandfu\u00df der drei Zinnen an.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tief durchatmen und genie\u00dfen<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich lehne mich an die m\u00e4chtige Nordwand und atme tief durch. Der Blick der sich mir jetzt bietet ist umwerfend. \u00dcber mir thront der ausladende \u00dcberhang, unter mir die Zinnenseen, vor mir ein Bergpanorama, das im Moment nicht zu \u00fcbertreffen ist. Die abendliche Sonne beleuchtet die drei Zinnen in einem warmen Rot wie auch die umliegenden Gipfel. Ich halte diesen Moment mit meiner Kamera fest, setze mich hin und lausche. Ich h\u00f6re nur den kalten Wind und mein eigenen Atmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist so ruhig, dass ich die Stille f\u00f6rmlich h\u00f6ren kann. So als w\u00e4re sie greifbar und ich w\u00fcrde Teil von ihr werden. <strong>In diesem Moment bin ich eins mit mir selbst und meinem Umfeld, v\u00f6llige Zufriedenheit erf\u00fcllt mich und ich bin frei.<\/strong> Die Zeit jedoch dr\u00e4ngt mich zum Umkehren. Ich rei\u00dfe mich von dem wundervollen Anblick los und beginne mit dem Abstieg. Ein paar Wolken haben sich vor die untergehende Sonne geschoben und beschleunigen die D\u00e4mmerung.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Reiz-Solo-Tour-Freiheit.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Reiz-Solo-Tour-Freiheit.jpg\" alt=\"Die abendliche Sonne beleuchtet die drei Zinnen. Ein Moment v\u00f6lliger Zufriedenheit und Freiheit.\" style=\"object-fit:cover;width:350px;height:262px\" width=\"350\" height=\"262\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die abendliche Sonne beleuchtet die drei Zinnen. Ein Moment v\u00f6lliger Zufriedenheit und Freiheit.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Es wird verdammt schnell dunkel und ich bin noch nicht auf dem richtigen Weg. Meine Schritte werden zwar schneller, jedoch bleibe ich ruhig und gelassen. Ich bin Herr der Lage und habe alles im Griff. Im letzten Funken Tageslicht erreiche ich den Weg und nun h\u00fcllt mich die Nacht komplett ein. Die Berge um mich rum werden zu gro\u00dfen schwarzen Ungeheuern, die nun bedrohlich auf mich wirken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine andere Form der Meditation<\/h3>\n\n\n\n<p>Mein Geist ist absolut wach und nimmt jede kleine Bewegung, jedes Ger\u00e4usch in meinem Umfeld wahr. Wenn man sich komplett darauf einl\u00e4sst, sich anpasst und dementsprechend handelt, wird man <strong>eins mit der Umwelt<\/strong>. Dann gibt es nur noch das Hier und Jetzt. Dieses Gef\u00fchl erlebt man auf Solo Tour oft noch viel intensiver. So ist jeder Weg, den ich alleine gehe, auch immer <strong>ein Weg zu mir selbst<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lerne mich und meine eigenen F\u00e4higkeiten intensiv kennen, sto\u00dfe an Grenzen und muss Verantwortung f\u00fcr mich \u00fcbernehmen. Zu wissen, dass ich meinen eigenen F\u00e4higkeiten vertrauen kann, befl\u00fcgelt mich regelrecht und gibt mir gleichzeitig die <strong>innere Ausgeglichenheit<\/strong>, die heutzutage oft vielen Menschen fehlt. Ganz nah bei mir selbst zu sein, durch nichts abgelenkt und vollkommen im Moment zu leben. Am Auto angekommen bin, w\u00e4rmt mich ein Tee, bevor ich mich in den Schlafsack einrolle. Ich habe die leise Bef\u00fcrchtung, dass es eine kalte und somit sehr lange, einsame Nacht wird, denn der Himmel hat aufgeklart und die Sterne funkeln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-die-eigenen-krafte-richtig-einschatzen-und-risiken-vermeiden\"><strong>Die eigenen Kr\u00e4fte richtig einsch\u00e4tzen und Risiken vermeiden<\/strong><\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Reiz-Solo-Tour-Entscheidung-eigenstaendig.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Reiz-Solo-Tour-Entscheidung-eigenstaendig.jpg\" alt=\"Abbruch, das Wetter wird unberechenbar. Solo Touren lehren Wachsamkeit und die eigenen F\u00e4higkeiten realistisch einzusch\u00e4tzen, um so Gefahren zu vermeiden.\" style=\"width:350px;height:262px\" width=\"350\" height=\"262\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abbruch, das Wetter wird unberechenbar. Solo Touren lehren Wachsamkeit und die eigenen F\u00e4higkeiten realistisch einzusch\u00e4tzen, um so Gefahren zu vermeiden.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Als ich am fr\u00fchen Morgen die ersten w\u00e4rmenden Sonnenstrahlen sp\u00fcre, ist die unangenehme Nacht mit wenig Schlaf sofort vergessen. Ich freue mich, dass das Wetter besser ist als vorhergesagt. Ich mache mich direkt auf den Weg, um heute das komplette Gebirgsmassiv der drei Zinnen  zu umrunden. Um mich herum zieht Nebel vom Tal herauf, als ich das erste Etappenziel der Tour erreiche, die <strong>Dreizinnenh\u00fctte<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht alles ganz schnell: von einer Sekunde auf die andere haben mich dicke Nebelwolken eingeh\u00fcllt und obwohl es erst September ist, beginnt es wenig sp\u00e4ter zu schneien. Zuerst freue ich mich wie ein kleines Kind \u00fcber den Schnee, dann denke ich an meine Tour. Ein Partner, der mich im Zweifelsfall bremst, fehlt. Einerseits ist dieses Gef\u00fchl, zu handeln wie ich es will befreiend, andererseits kann das auch schnell gef\u00e4hrlich werden. Da ich das Risiko f\u00fcr mich ganz alleine trage, <strong>lehren mich Solo Touren wachsam zu sein muss und meine F\u00e4higkeiten realistisch einzusch\u00e4tzen, um Gefahren zu vermeiden<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich wei\u00df ich, was zu tun ist und breche ohne gro\u00df zu \u00fcberlegen ab. Man sieht keine 50 Meter weit, obwohl es immer wieder kurze Lichtblicke gibt, bleibt das Wetter unberechenbar. Es f\u00e4llt mir nicht schwer umzukehren, ohne mein Ziel erreicht zu haben. Im Gegenteil, ich bin vielmehr stolz darauf diese Entscheidung getroffen zu haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-allein-oder-doch-lieber-zu-zweit\">Allein oder doch lieber zu zweit?<\/h2>\n\n\n\n<p>Des \u00d6fteren werde ich gefragt, warum ich alleine auf Tour gehe. Ist alleine Bergsteigen nicht langweilig, einsam oder sogar gef\u00e4hrlich? Zu zweit oder in der Gruppe zu wandern macht unglaublich viel Spa\u00df. Denn eigentlich bin ich ein geselliger Mensch, der sich gern mit Gleichgesinnten umgibt, Erfahrungen austauscht und von St\u00e4rkeren lernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin somit kein Einzelg\u00e4nger der egoistisch und r\u00fccksichtslos sein Ding durchziehen muss, um zufrieden zu sein. Vielmehr treibt mich mein unb\u00e4ndiger Freiheitsdrang dazu an,&nbsp;<strong>die komfortable Zone einer Gruppe zu verlassen<\/strong>. Alleine am Berg unterwegs zu sein bedeutet f\u00fcr mich <strong>absolut fokussiert<\/strong> zu sein, denn schlie\u00dflich bin ich komplett f\u00fcr mich <strong>selbst verantwortlich<\/strong>. Denn dann gibt es niemanden, der neben mir steht und sagt, das ist zu gef\u00e4hrlich, kehr um oder du befindest dich auf dem falschen Weg. Ich muss <strong>alle Entscheidungen alleine treffen<\/strong> und auch die Konsequenzen in vollem Umfang tragen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Auf sich alleine gestellt<\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt niemanden, der mich aus einer misslichen Lage befreit. Mit diesem Wissen unterwegs zu sein, <strong>sch\u00e4rft meine Sinne<\/strong> und lehrt mich auf mein Bauchgef\u00fchl zu h\u00f6ren. Jemanden neben dir zu haben, der im Ernstfall wei\u00df, was zu tun ist, ist durchaus sehr beruhigend. Aber zu wissen, dass meine eigene Einsch\u00e4tzung vertrauensw\u00fcrdig ist und dass mein K\u00f6rper funktioniert wie es die Situation verlangt, ist f\u00fcr mich die ultimative Freiheit. Bei jeder Tour, die ich alleine gehe, sammle ich mehr Erfahrungen, die mich reifen lassen und mir die Sicherheit geben mir selbst zu vertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mal wieder alleine auf Tour war und den Gipfel erreiche, treffe ich zwei \u00e4ltere Herren, die gerade ihre Brotzeit genie\u00dfen. Als auch nach einer viertel Stunde niemand hinter mir auftaucht, fragen sie mich verdutzt: &#171;Ja M\u00e4del, jetzt musst uns aber schon sagen, warum du des alleine machst?! Hast wohl einen greisligen Partner?&#187; Die Direktheit \u00fcberrascht mich und bringt mich zum Lachen. &#171;Nein, daran liegt es nicht. Ich mache das alleine, weil es mir ab und an gut tut, etwas f\u00fcr mich selbst zu tun und vielleicht auch einfach, weil ich es kann.&#187;<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden nicken sich zu und geben mir Recht: &#171;Mein Kumpel hier, der konnte den ganzen Weg nicht den Mund halten, st\u00e4ndig muss er reden&#187;, wird sogar noch nachgelegt. Es folgt eine hitzige Diskussion dar\u00fcber wer nun mehr beim Aufstieg geredet hat, ob es eine Einigung gab, werde ich wohl nicht erfahren. Beim Abstieg von den drei Zinnen denke ich aber noch lange \u00fcber ihre Frage nach. <strong>So sehr ich die Zweisamkeit oder Geselligkeit auch liebe, so sehr liebe ich es meine Eigenst\u00e4ndigkeit zu f\u00f6rdern und mich selbst herauszufordern.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein echtes Abenteuer &#8211; und das jedes Mal aufs neue. Alleine unterwegs zu sein, hat f\u00fcr viele Wanderer und Bergsteiger einen ganz besonderen Reiz. 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