{"id":69313,"date":"2017-03-16T15:02:00","date_gmt":"2017-03-16T13:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/yukon-arctic-ultra-700-km-durch-die-eiswueste\/"},"modified":"2025-04-23T12:10:08","modified_gmt":"2025-04-23T10:10:08","slug":"yukon-arctic-ultra-700-km-durch-die-eiswueste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/blog\/yukon-arctic-ultra-700-km-durch-die-eiswueste\/","title":{"rendered":"Montane Yukon Arctic Ultra &#8211; 700 km durch die Eisw\u00fcste"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-was-ist-der-montane-yukon-arctic-ultra\">Was ist der Montane Yukon Arctic Ultra<\/h2>\n\n\n\n<p>Beim Ultra Marathon starten die meisten Teilnehmer*innen zu Fuss, aber auch die Disziplinen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/mountainbike-shop\/\">Mountainbike<\/a>&nbsp;und Skilanglauf sind vertreten. Bei den m\u00f6glichen Distanzen ist die Bandbreite gro\u00df:&nbsp;Marathon, 100, 200, 300 und 430 Meilen stehen zur Verf\u00fcgung. Die beliebteste Streckenl\u00e4nge ist tats\u00e4chlich 430 Meilen. Das sind 692 km von der Hauptstadt des Yukon Territory zur der Ziellinie in Goldgr\u00e4berstadt Dawson City.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strecke folgt dem Trail des Yukon Quest, dem h\u00e4rtesten Hundeschlittenrennen der Welt. Dabei ist alles geboten, was das Herz eines Winterabenteurers begehrt. Zugefrorene Fl\u00fcsse und endlos lange Seen, W\u00e4lder, S\u00fcmpfe und h\u00fcgelige bis bergige Landschaften. Die Wildnis des Yukon erscheint oft endlos.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-teilnehmer-und-sicherheit\">Teilnehmer und Sicherheit<\/h2>\n\n\n\n<p>Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. <strong>Der j\u00fcngste Teilnehmer ist 24 Jahre alt<\/strong>, der \u00e4lteste Teilnehmer ist 72. Es sind alle Einkommensschichten und viele Berufsgruppen vertreten. Die Fitness reicht vom erfahrenen Wanderer bis zum Profisportler. Und nicht immer erreichen die Profis das Ziel. Denn bei Temperaturen bis \u2013 50 Grad Celsius und derart langen Strecken, ist es verheerend, wenn man sich die Kr\u00e4fte nicht vern\u00fcnftig einteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit die Teilnehmer sicher sind, gibt es eine lange Liste an Pflichtausr\u00fcstung. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel eine <strong><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/p\/arctic-parka\/\">Expeditionsdaunenjacke<\/a>, ein Schlafsystem f\u00fcr extreme K\u00e4lte, S\u00e4ge, Stirnlampe und Kocher<\/strong>. F\u00fcr den Transport der Ausr\u00fcstung nehmen die L\u00e4ufer- und Skilangl\u00e4ufer eine Pulka. Die Fatbiker nutzen jeden verf\u00fcgbaren Platz an ihren R\u00e4dern. Eine Mannschaft von Schneemobilfahrern f\u00e4hrt den Trail regelm\u00e4\u00dfig ab, um nach dem Rechten zu sehen. F\u00fcr extra Sicherheit sorgen noch die sogenannten <strong> SPOT-Ger\u00e4te<\/strong>. Das sind GPS-Sender, die regelm\u00e4\u00dfig die Positionen der einzelnen Teilnehmer durchgeben. Dazu kann man mit einem SPOT noch Nachrichten senden. Das geht von einem einfachen \u201eokay\u201c, \u00fcber ein Hilfesignal bis zu einem echten Notruf. Die SPOTs erm\u00f6glichen es zudem Familie, Freunden und Kollegen daheim, das Rennen zu verfolgen. Achtung: Suchtpotenzial! Wer einmal anf\u00e4ngt, einem SPOT-Tracker zu folgen, kann oft nicht mehr damit aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-no-risk-no-fun\">No risk no fun?<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-wetter\">Wetter<\/h3>\n\n\n\n<p>Gefahren gibt es viele. Risiko Nummer 1 sind sicher die Auswirkungen der K\u00e4lte. Passt man nicht auf, holt man sich schnell eine Erfrierung. Wer sich eine Erfrierung einf\u00e4ngt, f\u00fcr den ist laut Reglement das Rennen beendet. Denn zun\u00e4chst harmlose <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/blog\/symptome-von-unterkuehlung\/\">Erfrierungen<\/a> k\u00f6nnen durch weiterf\u00fchrende Temperaturschwankungen zu einem echten Problem werden. Besonders gef\u00fcrchtet sind die sogenannten \u201eOverflows\u201c. Hier sammelt sich Wasser \u00fcber einer Eisschicht und unter einer Schicht Schnee. Nicht immer sind solche Stellen leicht zu erkennen. Mit etwas Gl\u00fcck ist das Wasser nicht tief. Doch es kann durchaus vorkommen, dass man pl\u00f6tzlich bis zur H\u00fcfte im kalten Nass steht. Dann hei\u00dft es, Ruhe bewahren und Schritt f\u00fcr Schritt richtig reagieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-tiere\">Tiere<\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"451\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Yukon-arctic-ultra.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-49492\" srcset=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Yukon-arctic-ultra.jpg 300w, https:\/\/www.berg-freunde.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Yukon-arctic-ultra-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Martin Hartley<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Immer wieder machen sich die Athleten Sorgen um W\u00f6lfe oder B\u00e4ren. Letztere halten Winterschlaf und W\u00f6lfe sind eher menschenscheu. Taucht ein Elch vor einem auf, ist wesentlich mehr Gefahr im Verzug. Dann ist Zur\u00fcckhaltung angesagt. Verscheuchen k\u00f6nnte bei einem Elch aggressives Verhalten ausl\u00f6sen und b\u00f6se Konsequenzen haben.<br>Wesentlich \u00f6fter bereiten den Athleten die k\u00f6rperlichen Strapazen Probleme. Knie, R\u00fccken, H\u00fcfte und F\u00fc\u00dfe leiden wie bei allen Langstrecken-Veranstaltungen. Deshalb ist es wichtig, Warnsignale nicht zu ignorieren. Ein klassisches Beispiel sind Blasen an den F\u00fc\u00dfen. Wartet man zu lange mit der Probleml\u00f6sung oder einer Behandlung, werden Blasen schnell so gro\u00df, dass nur noch die Aufgabe bleibt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-belohnung\">Belohnung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Lohn f\u00fcr all die M\u00fchen? Man erf\u00e4hrt eine beeindruckende Stille. Man kommt an Orte, die andere Menschen niemals sehen werden. Man lernt Leute kennen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und, mit etwas Gl\u00fcck, sorgen Nordlichter nachts f\u00fcr ein unvergessliches Lichterspiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer also einmal seine Grenzen ausloten will, der hat beim MYAU eine Gelegenheit dazu, denn es gibt keine klassischen Teilnahmekritierien. Wichtig ist, dass man die K\u00e4lte mag. Es ist auch gar nicht so entscheiden, dass man ewig lange laufen kann. Aber man sollte sehr lange wandern k\u00f6nnen und Schlafmangel gut vertragen. Den Rest schafft man mit gezielter Vorbereitung und der richtigen Ausr\u00fcstung. Nach dem Event werden wir \u00fcbrigens noch einen Nachbericht liefern und mit den Athleten sprechen. Bleibt also dran, das d\u00fcrfte interessant werden!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-erlebnisbericht\">Erlebnisbericht<\/h2>\n\n\n\n<p>Am 18. Februar habe ich den Yukon Arctic Ultra gefinisht. 436 Meilen sind ein langer Weg, besonders wenn man es dabei mit krassen Minustemperaturen zu tun bekommt. Und seit diesem Tag tr\u00e4ume ich von nichts anderem mehr: Laufen, laufen, laufen\u2026 Uwe Paschke aus Berlin ist erfahrener Langstrecken- und Etappenl\u00e4ufer und wagte sich dieses Jahr an seine bisher gr\u00f6\u00dfte Herausforderung. 436 Meilen durch das Yukon. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Landschaft im Yukon ist faszinierend sch\u00f6n \u2013 eine wei\u00dfe Winterwunderwelt, die sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Doch das Yukon kann auch unerbittlich sein und verzeiht keine Fehler. Daher ist dieser Lauf auch unglaublich hart. Das wusste ich nat\u00fcrlich, aber dass es so unglaublich hart werden w\u00fcrde, das hat mich \u00fcberrascht. Ich bin Uwe, 53 Jahre, aus Berlin und ein durchaus erfahrener L\u00e4ufer. Ich habe in den letzten Jahren ein Dutzend Etappenl\u00e4ufe \u00fcber 250 km und mehr gemacht. Ich wusste, dass 430 Meilen\/700 km etwas ganz Anderes sind. Wobei \u201eganz anders\u201c stark untertrieben ist.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/yukon-arctic-ultra-start.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/yukon-arctic-ultra-start-300x225.jpg\" alt=\"Yukon Arctic Ultra Erlebnisbericht\" class=\"wp-image-33093\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">51 Starter gehen auf die knapp 700 km lange Strecke. Foto: Joe Bishop<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Magda, meine Lebensgef\u00e4hrtin, startet mit mir im Team. Wir haben uns vor drei Jahren in der W\u00fcste Jordaniens bei einem Rennen getroffen und wollen nach vielen gemeinsamen L\u00e4ufen im Sommer heiraten. Unser Plan: Wenn wir diesen Lauf gemeinsam finishen, dann sind wir bereit f\u00fcr die Ehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz monatelanger Vorbereitungen bleiben viele konkrete Fragen unbeantwortet und wir starten sehr aufgeregt in unser viert\u00e4giges Survival-Training in Braeburn (CA) unmittelbar vor dem Rennen. Wir sind 14 Teilnehmer und lernen alles \u00fcber Kleidung, Schuhe, Ern\u00e4hrung, Feuer machen, Biwak bauen und vieles mehr. Wir laufen mit der Pulka, wir <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/schwitzrate-sport-rechner\/\">schwitzen<\/a>, wir frieren, wir laufen tags und nachts, wir machen Feuer, essen, trinken und \u00fcbernachten drau\u00dfen und wir laufen durch einen Fluss, um zu trainieren, was wir tun, wenn wir nachts alleine drau\u00dfen an einem Overflow einbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine nette Erfahrung: 25 Meter durch knietiefes Wasser bei -25\u00b0 C laufen und dann barfu\u00df im Schnee umziehen. Alles andere als angenehm. Aber daf\u00fcr waren wir ja hier. Ich sage am Ende zu Stewart, dem Seminarleiter, dass die Chance ins Ziel zu kommen nun um 300% gestiegen ist und damit bei 50% liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zur\u00fcck nach Whitehorse (CA) und st\u00fcrmen sofort los um unsere Ausr\u00fcstung zu optimieren. Einige Stunden sp\u00e4ter und 2000$ \u00e4rmer, haben wir neue Schuhe sowie zahlreiche zus\u00e4tzliche Kleidung und Ausr\u00fcstung. Wir f\u00fchlen uns besser und trotzdem sind wir sehr aufgeregt, haben Angst und gro\u00dfen Respekt. Heidewitzka, -35\u00b0 C sind halt einfach schweinekalt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-tag-x\"><strong>Tag X.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Leicht verschwitzt drehe ich mich in meinem Bett von einer Seite auf die andere, denn in meinem Traum blicke ich in die \u201efalsche\u201c Richtung. Im Halbschlaf dringen mir Roberts Worte aus dem Briefing in den Kopf: \u201eWenn Ihr auf der Suche nach einem Biwakplatz seid, dann stellte die Pulka in Eure Laufrichtung. Es ist schon vorgekommen, dass L\u00e4ufer nach wenigen Stunden Schlaf desorientiert zur\u00fcckgelaufen sind, weil der Schlitten falschrum stand und da drau\u00dfen allein im Yukon erkennt man nicht, wohin der Trail f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Tag nach dem eindrucksvollen Start des Yukon Quest 1000 Meilen Schlittenhunderennens starten wir auf dessen Spuren um 10:30 Uhr morgens bei herrlichem Sonnenschein. Es ist schwer, das richtige Tempo zu finden, denn die Marathonis st\u00fcrmen los und Du wei\u00dft bei niemandem da vorne, ob er oder sie 100 Meilen, 200, 300 oder 430 vor sich hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Einsamkeit-Yukon-Arctic-Ultra.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Einsamkeit-Yukon-Arctic-Ultra-300x225.jpg\" alt=\"Yukon Arctic Ultra Erlebnisbericht\" class=\"wp-image-33088\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mit Einsamkeit muss man umgehen k\u00f6nnen.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Nach neun Stunden erreichen wir den ersten Kontrollpunkt in Rivendell bei Kilometer 42. Es ist l\u00e4ngst finstere Nacht. Hier stehen ein paar Zelte und H\u00fctten: Zutritt verboten, du darfst die <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/isolierflaschen\/\">Thermosflasche<\/a> reinreichen und Dir im Schnee Dein Trekkingfood zubereiten, dich an ein kleines Feuer hocken und anfangen zu frieren. Ich treffe Robert, den Organisator, er lacht mich an und sagt: \u201eDas ist der Yukon hier.\u201c Und ich denke: \u201eSchei\u00dfe, ist das hart. Schei\u00dfe ist das kalt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Also schnell weiter laufen. Um Mitternacht beschlie\u00dfen wir zu biwakieren. <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/zelte\/\">Zelt<\/a> aufbauen, Matten aufblasen, Schlafsack raus, wir rein. Das ist alles kein wirklicher Spa\u00df und trotz Training f\u00e4llt uns alles schwer. Im riesigen Schlafsack will es einfach nicht warm werden \u2013 drau\u00dfen sind es -41\u00b0 C.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach vier Stunden vergeblicher Schlafversuche geht es weiter. Jetzt ist es kuschelig im Schlafsack und drau\u00dfen ist es immer noch so lausig kalt und dunkel. Alles muss jetzt schnell gehen. Pulka packen und z\u00fcgig in Bewegung kommen. Nach zehn Minuten wird mir warm, ich beginne zu schwitzen und mir fallen Stewarts Worte ein: \u201eIf you begin to sweat, you can\u00b4t ignore that.\u201c Also Schlittengurt abnehmen, Jacke aus, verstauen und weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 7 Uhr wird es langsam hell, um 8 Uhr m\u00fcssen wir etwas essen. Die Benzinkocher ausgepackt und angeworfen. Eine m\u00fchselige und stinkige Prozedur, Schnee schmelzen wird noch m\u00fchseliger und das Warten, bis das Travellunch fertig ist, l\u00e4sst die F\u00fc\u00dfe immer k\u00e4lter werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Essen reinschaufeln &#8211; das tut gut. Es kommt uns wie der pure Luxus vor. Das Spiel beginnt von Neuem: Alles einpacken, schnell raus aus der Expeditionsjacke. Wow, ist das wieder kalt, und weiter geht es, nach wenigen Minuten laufen wird es w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine neuen Schuhe qu\u00e4len mich immer mehr. Klar, wei\u00df doch jeder L\u00e4ufer: Niemals mit neuen Schuhen einen Wettkampf laufen. Aber was blieb mir \u00fcbrig? Meine <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/laufschuhe\/\">Laufschuhe<\/a> waren zu klein und nicht ausreichend isoliert. Und au\u00dferdem nur drei Nummern gr\u00f6\u00dfer als die F\u00fc\u00dfe. Jetzt habe ich <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/wanderschuhe\/\">Wanderstiefel<\/a>, f\u00fcnf Nummern gr\u00f6\u00dfer, Winterproof, Waterproof. Meine F\u00fc\u00dfe sind warm, aber der Schaft bereitet mir bei jedem Schritt Schmerzen. \u201eYou can\u00b4t ignore that.\u201c Also wieder anhalten. Der Kabelbinder kommt zum Einsatz. Mist, der bricht bei den Temperaturen einfach durch. Nach diversen Versuchen klappt die Notl\u00f6sung. Dann schmerzt die andere Seite.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-ungeplant\"><strong>Ungeplant.<\/strong><\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/unvergessliche-momente-yau.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/unvergessliche-momente-yau-300x225.jpg\" alt=\"Yukon Arctic Ultra Erlebnisbericht\" class=\"wp-image-33090\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Daf\u00fcr winken unvergessliche Momente<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Wir sind auf dem Weg zu Kontrollpunkt 2 und haben heute ca. 50 km vor uns. Wir haben uns ziemlich weit hinten eingeordnet. Die beiden L\u00e4ufer neben uns haben seit zw\u00f6lf Stunden nichts getrunken, weil die Trinkblasen komplett eingefroren sind und sie keine Lust auf Schnee Schmelzen haben. Nach 14 Stunden und einigen knackigen Anstiegen erreichen wir Dog Grave Lake. 500 m vorher teilt Magda mir mit, dass sie starke Schmerzen hat, eine Blasenentz\u00fcndung, und dass sie aufgeben muss. Sie liegt im Erste-Hilfe-Zelt und ist todungl\u00fccklich. Sie wird mit einem Ski-Doo evakuiert. Ich sitze drau\u00dfen am Feuer, esse meinen T\u00fctenfra\u00df, baue das Zelt auf und bin irgendwie nicht ganz bei mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer erneut sehr kalten Nacht und f\u00fcnf Stunden Schlaf geht es 56 km weiter nach Braeburn, dem 100 Meilen Ziel. Ich muss die Schuhe wechseln, denn meine neuen bringen mich um.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 5 km treffe ich auf Gillian. Sie liegt im Schnee, ist v\u00f6llig ersch\u00f6pft. Ich spreche Sie an. Sie ist m\u00fcde und hungrig. Sie lehnt meine Hilfe ab und schleppt sich weiter. 10 km weiter treffe ich Glen und Spencer auf den Ski-Doos. Wie immer halten Sie an und fragen, wie es Dir geht, ob Du warme H\u00e4nde hast. Mit mir ist alles ok, aber ich schicke Sie zu Gillian.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Tag habe ich \u00fcberlegt, ob ich nun weiter mache oder abbrechen soll ohne meinen Teampartner. So war das nicht geplant. Ich wusste, Magda will, dass ich weiter mache und es versuche. In Braeburn endlich das erste Mal wieder richtig aufw\u00e4rmen. Ich warte auf den legend\u00e4ren Riesen-Burger und schaue derweil auf die Tafel an der Wand: Hugh Neff, Ankunft 100 Meilen nach 11 h \u2013 mit 14 Hunden. Matt, ein anderer Starter, kommt in den warmen Raum und wird gleich von den \u00c4rzten unter Protest aussortiert: ernster Frostbite an den H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sortiere meine Ausr\u00fcstung und trenne mich von Dingen, die nicht funktionieren. Meine Wurst- und K\u00e4sehappen sind nicht zu gebrauchen, weil Sie zu riesigen Klumpen gefrieren, die ich nicht im Handschuh antauen kann. Also weg damit. Gut, dass eine S\u00e4ge zur Pflichtausr\u00fcstung geh\u00f6rt. Ich s\u00e4ge von jedem Schuh den halben Stiefelschaft ab in der Hoffnung, dass das die Probleme beseitigt, und genie\u00dfe dann das warme Bett.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-routine\">Routine.<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich schlafe sechs Stunden und bekomme morgens ein riesiges Omelette. Ich treffe Robert wieder und frage nach der n\u00e4chsten Cut-Off-Zeit: Carmacks in 44 h. Ich mache mich sofort auf den Weg. Anpassungsschwierigkeiten, Schuhe, Magdas Ausfall. Das alles hat viel Zeit gekostet. Ich bin zu langsam unterwegs. Heute sind es 71 km nach Ken Lake. Ich muss traben, viele Seen, \u00fcberw\u00e4ltigende Landschaft, Hunger \u2013 \u201eYou can\u00b4t ignore that.\u201c \u2013 Riegel reinstopfen, jede halbe Stunde Trinken, Anziehen, Ausziehen, zu warm, zu kalt, sechs Paar Handschuhe rotieren, ohne permanenten Einsatz der Heatpads geht es nicht. Nach 13 h komme ich in Ken Lake an.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Fatbike-Laufen-Pulka.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Fatbike-Laufen-Pulka-300x225.jpg\" alt=\"Yukon Arctic Ultra Erlebnisbericht\" class=\"wp-image-33089\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Den Arctic Ultra kann man zu Fu\u00df, auf Skiern oder mit dem Rad bew\u00e4ltigen.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Das winzige Zelt ist voller Leute und 100 Klamotten h\u00e4ngen \u00fcberall zum Trocknen rum. Es gibt zwei Scheiben Brot, eine hei\u00dfe Suppe und eine Orange. Ich liebe all diese warmherzigen Volunteers, die sich liebevoll um uns k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Suppe muss ich eine Stunde meine F\u00fc\u00dfe versorgen. Riesige Blasen m\u00fcssen aufgestochen und getrocknet werden. Die F\u00fc\u00dfe sehen aus wie nach 100 h Badewanne \u2013 ist halt kein W\u00fcstenklima hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlafe drau\u00dfen vier Stunden &#8211; ohne Zelt. Mit Zelt ist es genauso kalt, aber ich spare mir das Auf- und Abbauen. Aufstehen, Essen, F\u00fc\u00dfe tapen und los geht es. 56 km nach Carmacks. Ich muss mich beeilen und renne los. Vier Stunden vor Cut Off erreiche ich Carmacks und wir werden dort in einer Turnhalle herzlich empfangen und versorgt. Ich bin zu schlapp f\u00fcr die Dusche.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaue in den Spiegel und sehe 20 Jahre \u00e4lter aus. Ich muss mir das Gesicht tapen, damit die Tr\u00e4nens\u00e4cke nicht einfrieren. Ich \u00fcberlege, ob ich nach 300 Meilen nicht besser aufh\u00f6ren soll. 6 Stunden Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf nach McCabe \u2013 63 km. Bergauf, bergab. Ein wei\u00dfes Winterm\u00e4rchen. Yukon Crossing. Gefrorenes Packeis, anstrengend mit der 30 kg Pulka, die st\u00e4ndig zieht und schiebt. Und dieses bl\u00f6de McCabe kommt und kommt nicht. Kein Schild, kein Hinweis, keine Ahnung wie weit es noch ist. Da hat Jemand einen Hinweis in den Schnee geschrieben: McCabe 8 km. Ach Du Kacke, denke ich, dass sind ja nochmal 1,5 bis 2 Stunden. Ich renne und komme ersch\u00f6pft in einer kleinen Garage an. 5 Leute schlafen, einige essen, manche kommen, manche gehen. Essen, Fu\u00dfpflege, Pennen. Weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Pelly Crossing will nicht kommen. Der Zeitdruck ist etwas gewichen. Ein Schwarzb\u00e4r taucht vor mir auf und passiert in 50 Metern Entfernung meinen Weg. Nein, es war keine Halluzination und kein Wolf und kein Hase. Der Brocken war gr\u00f6\u00dfer als ich und ich konnte ihn auf freier Lichtung lange genug sehen. Da kommt mir etwas sp\u00e4ter jemand entgegengerannt. Meine Magda! Wir lassen ein paar Freudentr\u00e4nen auf unserer Haut gefrieren. Sie hat sich mit Antibiotika erholt und ist nun Helferin. Sie erz\u00e4hlt mir, wie viele L\u00e4ufer schon ausgeschieden sind und Marcelo gibt gerade auf, weil er als letzter L\u00e4ufer immer wieder ein paar W\u00f6lfe hinter sich entdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Magda begleitet mich am n\u00e4chsten Morgen nach Pelly Farm. Die 53 km fallen mir sehr schwer. Es gab 15 cm Neuschnee, wodurch sich die Pulka viel schwerer zieht und dann hat da irgendein Bl\u00f6dmann gewaltige H\u00fcgel in den Weg gestellt. Ersch\u00f6pfung, Schlafmangel und Hunger sind nun meine st\u00e4ndigen Begleiter. Schlecht gelaunt sehe ich das Schild: \u201eYou made it\u201c und fluche, dass diese Farm wahrscheinlich 15 Mio. Hektar gro\u00df ist. Ich sollte Recht behalten. Gef\u00fchlte 3 km sp\u00e4ter kommen wir endlich am Eingang der uralten Farm an und die Herzlichkeit der Familie, der warme Tee und die fantastische Bison-Lasagne bereiten mir schnell gute Laune. Acht Stunden Pflichtpause! Freude. Warmes Bett, morgens frische Pancakes und zum Abschied ein Sandwich. Sch\u00f6n, dass es solche Menschen wie Sue und ihre Familie gibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-beissen\">Bei\u00dfen.<\/h2>\n\n\n\n<p>Nun wird es nochmal hart. Ja, jetzt will ich das Ding finishen, aber: bis Scroogie Creek sind es 110 km und danach kommt Dawson mit nochmal 160 km. Die l\u00e4ngsten Etappen. Wie immer: Das Beste kommt zum Schluss. <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/marken\/scott\/\">Scott<\/a>, Jesse, Jon, Tom und ich bestreiten diese letzten 270 km gemeinsam, wobei pl\u00f6tzlich immer mal wieder einer von uns auf seiner Pulka liegt oder neben dem Trail, um noch ein paar Minuten oder Stunden Schlaf nachzuholen. Es geht einfach nicht anders. Die Augen fallen beim Laufen immer wieder zu und wir torkeln mehr als das wir laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir laufen in zwei Etappen nach Scroogie, \u00fcbernachten in der winzigen H\u00fctte gemeinsam und machen uns auf nach Dawson. Statt meiner geplanten 60\/60\/40 km mit zwei \u00dcbernachtungen werden es in der Gruppendynamik zweimal 80 km mit einer \u00dcbernachtung und der \u00dcberquerung von zwei \u00fcber 1000 Meter hohen Bergen. Insbesondere der King Solomon Dome mit 1300 m verlangt einem bei dem dreist\u00fcndigen Anstieg noch einmal alles ab. Nun laufe ich den anderen hinterher, denn ich habe meinen Wecker nicht geh\u00f6rt und einfach mal 3 Stunden verschlafen. Egal, bei diesem Rennen ist tats\u00e4chlich Ankommen das Ziel und ich lache \u00fcber den Spruch meines Laufkumpels: \u201eDas Ziel ist das Ziel. Alles andere ist Esoterik.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den 18 Stunden nonstop Laufen vom Vortag bin ich fest entschlossen, an diesem Tag zu finishen und die letzten 80 km ebenfalls in einem St\u00fcck durchzulaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufstieg zum King Solomon schafft mich. Als ich endlich oben angekommen bin habe ich eine fantastische Rundumsicht und ein wundersch\u00f6ner Sonnenuntergang zaubert ein nie zuvor gesehenes Farbenmeer \u00fcber den Horizont.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht an den Abstieg. Dunkelheit und zunehmende K\u00e4lte setzen mir zu. Die letzten 15 km nach Dawson werden endlos, aber ein gro\u00dfartiges gr\u00fcnviolettes Farbenspiel am Himmel baut mich auf. Mein erstes Polarlicht. Gro\u00dfartig.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/yukon-arctic-ultra-finisher.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bergfreunde.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/yukon-arctic-ultra-finisher-300x225.jpg\" alt=\"Yukon Arctic Ultra Erlebnisbericht\" class=\"wp-image-33092\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Uwe hat es geschafft.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Magda kommt mir entgegen. Die Freude ist riesig. \u201eWie weit noch?\u201c frage ich. \u201eca. eine Stunde.\u201c Es werden zwei endlose Stunden und wie immer kurz vor dem Ziel, schaltet der K\u00f6rper langsam ab und Ersch\u00f6pfung wird das alles dominierende Gef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Robert mir um 2 Uhr morgens die riesige und sch\u00f6ne Medaille umh\u00e4ngt und mich umarmt bin ich unendlich gl\u00fccklich. Zus\u00e4tzlich erhalte ich von den Volunteers die \u201eRed Lantern\u201c f\u00fcr den letzten Finisher. Ein alter Brauch vom Yukon Quest und nie zuvor war ich so gl\u00fccklich, Letzter geworden zu sein. 51 Starter haben sich auf den langen Distanzen versucht und nur 16 sind ins Ziel gekommen. Frostbite, <a href=\"https:\/\/www.berg-freunde.ch\/windchill-effekt-rechner\/\">Unterk\u00fchlung<\/a>, Ersch\u00f6pfung und Verletzungen haben das L\u00e4uferfeld sukzessive verkleinert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war das h\u00e4rteste, k\u00e4lteste und l\u00e4ngste Rennen und das gr\u00f6\u00dfte und sch\u00f6nste Abenteuer meines Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Magda hat mit dem Yukon eine Rechnung offen und will es in zwei Jahren erneut versuchen. Ich werde Sie begleiten \u2013 im Wohnmobil als Supporter. Ich habe 8 kg und viel Muskelmasse verloren. Knapp vier Wochen sp\u00e4ter f\u00fchle ich mich immer noch recht schlapp und brauche noch einige Wochen oder Monate Regeneration. Geheiratet wird \u00fcbrigens trotzdem. Und die Flitterwochen m\u00f6chten wir auf dem GR 20 auf Korsika verbringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist der Montane Yukon Arctic Ultra Beim Ultra Marathon starten die meisten Teilnehmer*innen zu Fuss, aber auch die Disziplinen&nbsp;Mountainbike&nbsp;und Skilanglauf sind vertreten. Bei den m\u00f6glichen Distanzen ist die Bandbreite gro\u00df:&nbsp;Marathon, 100, 200, 300 und 430 Meilen stehen zur Verf\u00fcgung. Die beliebteste Streckenl\u00e4nge ist tats\u00e4chlich 430 Meilen. 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