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Neue Mixedroute am Aggenstein: „Anderl-Lindner-Gedenkweg“ (370 m, M7+, WI6, 50°)

Inhaltsverzeichnis

Der Eisfall im  unteren Teil der Route sticht sofort ins Auge. Foto F. Miller
Der Eisfall im unteren Teil der Route sticht sofort ins Auge. Foto F. Miller

Lange schon hatte ich diese Linie inmitten der Nordwand des Aggenstein Ostgipfels im Blick, nun ist ihre Erstbegehung endlich geglückt. Korbinian Schmidtner, Hans-Peter Müller und mich erwartete die ganze Bandbreite des Winterkletterns, inklusiv schwieriger Eiskletterei, etwas Drytooling, Schneewühlerei und natürlich der dort typischen Graskletterei. Obwohl es sich um eine Route im Stil einer Direttissima handelt, ist die Linienführung stets intuitiv.

Die erste Seillänge ist gleich die schwerste der ganzen Route. Foto K. Schmidtner
Die erste Seillänge ist gleich die schwerste der ganzen Route. Foto K. Schmidtner

Von den vielen Winterkletterrouten, die ich in den letzten Jahren mit Michaela und weiteren Tourenpartnern erstbegehen konnte, ist diese mit Blick auf die Ästhetik der Linie und Schönheit der Kletterei die beste. Diese Route ist meinem jungen Freund Andreas Lindner gewidmet, der im Sommer 2020 im Zustieg zur Aiguille du Dru verunglückt ist. Anders als sein fester Platz in so vielen Herzen ist dieses Zeichen der Erinnerung und Wertschätzung eher unbedeutend. Doch kann ich als Alpinist damit ausdrücken, wofür meine Worte zu schwach sind.

Ein kurzer Blick zurück in den März 2022: Die „Superdirekte Nordwand“ der Zugspitze Nordwand sollte eine Gedenkroute für Anderl werden, doch spürte ich schon am Gipfel, dass diese Route zu finster ist und in mir zu wenige positive Emotionen hervorrufen wird, dafür aber noch mehr Zweifel. Ganz anders nun, knapp zwei Jahre später und mit mehr Distanz zu den Ereignissen. Unsere neue Route am Aggenstein wirkt auf mich versöhnlich, als spräche sie uns mit freundlicher Stimme Mut zu.

Text: Fritz Miller, Januar 2024

Daten und Infos zum „Anderl-Lindner-Gedenkweg“

Korbinian nähert sich dem ersten Stand. Foto F. Miller

Erstbegehung

1. Begehung: Fritz Miller, Korbinian Schmidtner und Hans-Peter Müller am 10. und 11.01.24

1. Wiederholung und 1. Rotpunkt-Begehung: Fritz Miller und Korbinian Schmidtner am 14.01.24

Am zweiten Tag schafften Hans und ich den Durchstieg des oberen Wandteils. Foto F. Miller
Am zweiten Tag schafften Hans und ich den Durchstieg des oberen Wandteils. Foto F. Miller

Routenbeschreibung

Herausfordernde alpine Mixedkletterei inmitten der Nordwand des Aggenstein Ostgipfels. Wiederholer erwartet die ganze Bandbreite des Winterkletterns, inklusiv schwieriger Eiskletterei und der am Aggenstein typischen Graskletterei. Obwohl es sich um eine Route im Stil einer Direttissima handelt, ist die Linienführung stets intuitiv. Die Route verläuft in der 3. Seillänge (Eisfall) sowie in der 7. Seillänge (Grasschulter) auf der Linie des Isidor-Hacker-Gedenkwegs, woraus sich verschiedene Kombinationsmöglichkeiten ergeben.

Absicherung und Ernsthaftigkeit

Den Gipfel erreichten wir im letzten Licht des Tages. Foto F. Miller
Den Gipfel erreichten wir im letzten Licht des Tages. Foto F. Miller

Die schwierigen Seillängen sowie die meisten Standplätze sind mit Normalhaken und Bohrhaken eingerichtet. Fast alle Haken sind mit Markierungsschlingen ausgestattet. Für die weitere Absicherung wird das unten aufgeführte Material benötigt. Cams lassen sich nur vereinzelt legen, Keile praktisch gar nicht. Vorhandene Normalhaken sollten immer geprüft werden – aufgrund der Felsbeschaffenheit lockern sich manche Haken mit der Zeit. Insgesamt ist die Absicherung in dieser Route besser als beispielsweise im „Isidor-Hacker-Gedenkweg“ oder in „Morbus Brexit“ und es kann von jedem Standplatz abgeseilt werden. Wegen der schwierigen ersten Seillänge mit oftmals zweifelhafter Eisqualität zählt der „Anderl-Lindner-Gedenkweg“ dennoch zu den anspruchsvollsten Winterkletterrouten der Allgäuer Alpen und Tannheimer Berge.

Die richtigen Bedingungen

Entscheidend sind eine stabile Schneedecke sowie tiefe Temperaturen, damit die Graspolster halten. Zumindest nachts und morgens sollten die Temperaturen in der Wand deutlich unter null liegen. Bei ungünstigen Eisbedingungen können die ersten beiden Seillängen über den „Isidor-Hacker-Gedenkweg“ umgangen werden.

Die Erstbegehung war geglückt, doch der Route fehlte noch der letzte Schliff.
Die Erstbegehung war geglückt, doch der Route fehlte noch der letzte Schliff.

Zustieg

Von Pfronten-Steinach übers Skigebiet Breitenberg mit Tourenski zum Einstieg. Ohne Bergbahnen ca. 2 h. Mit Bergbahnen vom Ausstieg des Sessellifts Hochalpbahn nur ca. 20 min.

Drei Tage später stiegen Korbinian und ich nochmals in unsere neue Route ein.
Drei Tage später stiegen Korbinian und ich nochmals in unsere neue Route ein.

Die einzelnen Seillängen

1. SL: 40-45 m M7+, WI6, je nach Bedingungen auch schwerer. Das Felsdach wird links umgangen. Absicherung mit Beaks, Cams, einem BH und Eisschrauben. Stand im Eis. 

2. SL: 30 m WI3, 45° Gerade hoch zur großen Rampe. Stand eingerichtet mit 3 NH.

3. SL: 35 m WI2-3, 45° Dem Eisfall des Isidor-Hacker-Gedenkwegs folgen, bis rechts eine Schwachstelle in der überhängenden Wandstufe ersichtlich wird. Stand an NH und Beaks im Bereich der Gufel.

4. SL: 25 m M7 Leicht rechtshaltend empor bis zu athletischer Einzelstelle. Danach weiter rechtshaltend in einfacher Kletterei zu Bohrhakenstand. Absicherung mit 3 BH, 1 NH und Grasanker.

5. SL: 30 m M6, 45° Leicht linkshaltend zur Kante, danach im flacheren Gelände rechtshaltend zum Couloir und über dieses hoch zum Felsüberhang, welcher das Couloir versperrt. Stand am rechten Rand des Felsüberhangs an 2 BH. Absicherung mit 3 BH.

6. SL: 35 m M2-3, 45° Auf der rechten Seite der Rippe im leichten Gelände hinauf, bis unter die Fichten. Die Rippe erklettern, um zu den Fichten zu gelangen.

7. SL: 55 m 45°, M2-3 Leicht linkshaltend bis ans Ende der Grasschulter. Stand unter offensichtlichem Felsdach eingerichtet mit 2 NH und 1 Tricam.

8. SL: 30 m M4 Gleich rechts des Felsdachs über kleine Steilstufe zur Rinne, welche zum Direktausstieg des Isidor-Hacker-Gedenkwegs führt. Von dieser Rinne gerade hinauf zu Stand an 2 BH. Absicherung mit Grasankern.

9. SL: 40 m M5+, 45° Leicht linkshaltend der offensichtlichen Linie folgen, bis man die Rampe erreicht, die nach links zum Gipfelgrat führt. Auf dieser Rampe ein paar Meter empor, bis unter ein kleines Felsdach. Stand dort an 2 NH und Cam. Absicherung mit Grasanker, 2 NH, 1 BH und Abseilstand (2 BH) in der Rinne nach der Schlüsselpassage.

10. SL: 45 m M3, 50° Ein paar Meter auf der Rampe empor bis zu einer Schwachstelle im darüberliegen Wandriegel. Hier rechts hoch und in leichter Kletterei zum Gipfelgrat. Stand an 2 BH, welche sich auf der Nordseite knapp unterhalb des Grates befinden.

Unser Plan ging auf und wir konnten die letzten Sicherungen einrichten. Foto F. Miller
Unser Plan ging auf und wir konnten die letzten Sicherungen einrichten. Foto F. Miller
Ich spürte, dass dies eine passende Gedenkroute für Anderl sein würde. Foto F. Miller
Ich spürte, dass dies eine passende Gedenkroute für Anderl sein würde. Foto F. Miller

Abstieg am besten durch Abseilen über die Route

  • Vom letzten Stand am Gipfelgrat 55 m zurück in die Rinne der 9. SL. Dort Abseilstand mit 2 Bohrhaken.
  • 40 m zum Normalhaken-Stand unterm kleinen Dach (Ende 7. SL)
  • 50 m zu den Fichten
  • 55 m zum Bohrhaken-Stand am Ende der 4. SL
  • 55 m zum Normalhaken-Stand auf der Rampe (Ende 2. SL)
  • Zuletzt knapp 60 m zum Wandfuß

Empfohlenes Material

  • 60-m-Halbseile
  • 10-12 Expressschlingen, teilweise lang
  • Cams #0.4-1 (Totems empfehlenswert)
  • Kleines Set Tricams (pink bis blau)
  • 7-8 Eisschrauben (16 cm und 13 cm)
  • 2 Ice-Hooks als Grasanker
  • 2 große Beaks/Peckers
  • Kleines Sortiment Schlaghaken inkl. Profilhaken
  • Solider Felshammer
Fototopo Anderl-Lindner-Gedenkweg
Fototopo Anderl-Lindner-Gedenkweg

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Bergfreund Fritz

Zum Klettern und Bergsteigen kam ich, weil etwas wie eine große Faszination für die steile Welt in mir verankert ist (und durch ein paar Zufälle). Sicher ist es zu viel zu früh für ein Fazit. Aber wenn ich auf meine mittlerweile rund 25 Kletterjahre zurückblicke, denke ich, dass ich den Bergen und Wänden viel zu verdanken habe.

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