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Sicherungstechnik bei Mehrseillängenrouten: Überschlagend Klettern vs. Blockvorstieg

Inhaltsverzeichnis

Als Bergführer und Ausbilder habe ich immer wieder Trainingscamps für Nachwuchskletterer im Bereich des Alpinkletterns geleitet. Bestandteile dieser Camps waren unter anderem der Austausch von Erfahrungen sowie Diskussionen über die Sicherungstechniken beim Klettern langer Routen – ein spannendes Feld, wie ich finde. Bei einem Thema kam es zuverlässig zu hitzigen Debatten, zweifelnden Blicken, mitunter gar zu verhärteten Fronten – klar, es geht um das Thema dieses Beitrags.

Aber ist die Relevanz wirklich so hoch? Spielen nicht andere Punkte eine viel größere Rolle? Natürlich ist es wichtiger, auf einem guten Niveau zu klettern, keine elementaren Sicherungsfehler zu begehen und ein gewisses Gespür für die Berge mitzubringen – aber das sollte eh klar sein! Also zurück zu den Feinheiten, die auf dem Weg zum Ziel durchaus entscheidend sein können.

Kletterer an der Südwand des Marmolada in der Don Quixote Route.
Don Quixote, Marmolada Südwand: Je größer die Tour, desto wichtiger die Taktik. Foto: F. Miller

Ein paar Begriffe (und was damit gemeint ist)

Bevor wir uns dem Kern des Themas nähern, sollten wir einen Blick auf die Begrifflichkeiten werfen. Leider sind die deutschsprachigen Begriffe teils recht sperrig – man denke nur ans „Mehrseillängenklettern“. Hier und da verwende ich deshalb lieber englische Begriffe, beispielsweise „Lead Block“ statt Vorstiegsblock.

Die beiden Begriffe, um die es hier primär geht:

  • Überschlagend(es) Klettern (engl. Swapping Leads/Swinging Leads) bedeutet, dass Vor- und Nachsteiger nach jeder Seillänge wechseln.
  • Blockvorstieg (engl. Leading in Blocks/Block Leading) bedeutet, dass ein Vorsteiger einen Lead Block – also mehrere Seillängen – führt, und dann der Kletterpartner übernimmt – bzw. einer der Kletterpartner, denn diese Taktik funktioniert genauso auch in einer 3er-Seilschaft.

Und noch zwei Begriffe, die ebenfalls relevant sind:

Permanente Führung: Ein Vorsteiger übernimmt den Vorstieg der gesamten Route. Sicherungstechnisch findet innerhalb eines Lead Blocks allerdings auch eine permanente Führung statt, weshalb dieser Begriff im Folgenden immer wieder auftaucht.

Wechselführung: Dieser Begriff wird meist als Synonym für überschlagendes Klettern verwendet. Für mich bedeutet er allerdings lediglich, dass es sich um keine permanente Führung handelt. Meiner Auffassung nach deckt der Begriff sowohl überschlagendes Klettern wie auch das Klettern in Lead  Blocks ab.

Wechselführung am Crandes Capucin
Voyage selon Gulliver, Grandes Capucin: Team-Rotpunkt in Wechselführung. Foto: M. Schuster

Der klassische Ansatz: überschlagend klettern

Schauen wir uns zunächst das überschlagende Klettern näher an. Es ist der klassische Ansatz für Zweierseilschaften und meiner Einschätzung nach für die Mehrzahl der Alpinkletterer Standard. Es erleichtert das Seilhandling und sorgt dafür, dass beide Kletterpartner einen ähnlichen Beitrag leisten müssen (für manche Seilschaften spielt das eine große Rolle).

Wenn in langen, anspruchsvollen Routen allerdings Schnelligkeit und Effizienz gefragt sind, ist überschlagendes Klettern kein guter Ansatz. Davon bin ich überzeugt und ich werde versuchen, es zu erklären.

Gegenüberstellung der beiden Taktiken

Um das Ganze zu strukturieren, unterteile ich die Argumentation in folgende Themen: Kraft, Fokus, Kälte, Standplatzbau, Lesen der nächsten Seillänge, Seilhandling, Materialübergabe und Umbau der Sicherung.

Kraft

Stellt euch eine lange Seillänge in einer senkrechten Wand vor, die ihr als Nachsteiger klettert. Eine pumpige Leiste nach der anderen, die Tiefe saugt und der Rucksack zieht zusätzlich. Irgendwann laufen die Unterarme zu. Immer wieder schütteln und hoffen, so zum nächsten Stand zu kommen. Und dann? Gleich weiter im Vorstieg? Oder besser eine Pause für die Unterarme einlegen?

Kletterer in einer pumpigen Wand
Pumpig, nicht nur für den Vorsteiger. Foto: F. Miller

Fokus

Im alpinen Gelände klettert man im Vorstieg anders als im Nachstieg. Es gilt, den richtigen Weg zu finden, Entscheidungen zur Absicherung zu treffen, die Seilführung zu managen, darauf zu achten, keine Steine zu lösen, die den Partner treffen könnten. Vor allem aber, so zu klettern, dass man nicht stürzt, wenn man nicht stürzen darf.

Am Stand angekommen geht die Arbeit weiter, und nicht nur beim Standplatzbau ist volle Konzentration gefragt. Klettern im Vorstiegs-Modus verlangt einen hohen Fokus, während man sich als Nachsteiger etwas zurücknehmen und derweil regenerieren kann.

Für mich ist klar: Paramente Wechsel zwischen Vor- und Nachstieg sind auf Dauer mit einem erhöhten mentalen Verschleiß verbunden – nicht zuletzt, weil man dabei weniger gut in seine Rolle hineinfindet.

Kälte

Nicht immer aber doch recht häufig hat man es beim Alpinklettern mit Kälte zu tun – selbst im warmen Sarcatal, wenn nachmittags Wind aufkommt und die Ostwände im Schatten liegen. Gehen wir einmal davon aus, dass dem Vorsteiger warm wird, während er eine anstrengende Seillänge klettert. Nun gilt es, am Stand nicht allzu sehr auszukühlen.

Weitere Kleidung ist meist nicht verfügbar, weil typischerweise im Rucksack des Nachsteigers. Aber wenn der Nachsteiger Gas gibt, stehen die Chancen ganz gut, dass der Vorsteiger warm bleibt. Nun entscheiden sich die Dinge, je nach dem, wer die nächste Länge vorsteigt.

Beim überschlagenden Klettern hängt man viel länger am Stand (und kühlt eher aus), bei permanenter Führung innerhalb eines Lead Blocks weniger lang (und bleibt eher warm).

Kletterin in der Wand des Monte Brento im Sarcatal
Ein kalter Tag am Monte Brento, Sarcatal. Foto: F. Miller

Standplatzbau

Der Standplatzbau mittels Kletterseil wird immer wieder als Argument fürs überschlagende Klettern genannt. Natürlich sollte der Standplatzbau mittels Kletterseil beherrscht werden und es gibt Situationen, da kommt man kaum darum herum – man denke beispielsweise an einen großen Felsblock, über den keine der mitgeführten Bandschlingen passt.

Dies reicht als Argument fürs überschlagende Klettern aber noch lange nicht aus. Schließlich ergeben sich beim Standplatzbau mit dem Kletterseil eine Reihe massiver Nachteile, weshalb man diesen Ansatz nicht als Standardlösung betrachten sollte.

Lesen der nächsten Seillänge

Während der Vorsteiger seinen Kletterpartner nachsichert, hat er etwas Zeit – meist sogar recht viel – um sich in Ruhe den Weiterweg anzusehen und diesen zu planen.

Wo geht es hin, wie sieht es mit der Absicherung aus, welche Schwierigkeiten könnten mich an welcher Stelle erwarten? Welche klettertechnischen Ansätze könnten gefragt sein? In welche Abschnitte lässt sich die Seillänge einteilen? Gibt es Rastpunkte? Besondere Gefahren? Wie würde ein Sturz aussehen?

Man kann auch noch weiter ins Detail gehen und im Geiste schon einmal ein paar Meter klettern. All diese Informationen und Erkenntnisse sind sehr hilfreich für den Vorstieg der nächsten Länge. Gut also, wenn derjenige vorsteigt, der sie gewinnen konnte.

Seilhandling am Standplatz

Ja, das Seilhandling ist beim überschlagenden Klettern einfacher. In vielen Fällen spielt es aber keine große Rolle. Befindet sich der Stand an einem Absatz oder auf einem Band, lege ich das Seil einfach ab.

In einer Wand mit wenig Strukturen, an denen sich das Seil verhaken könnte, hänge ich es in großen Schlaufen an den Stand. Diese beiden Varianten funktionieren nahezu gleich gut auch bei permanenter Führung innerhalb eines Lead Blocks.

Legt man das Seil in Schlaufen über die Selbstsicherung, was immer wieder sinnvoll ist, so hat man bei der permanenten Führung den Nachteil, dass das Seil dem Kletterpartner übergeben werden muss. Um einen „Seilsalat“ zu vermeiden, sollte das Seil Schlaufe für Schlaufe übergeben und in neuen Schlaufen über die Selbstsicherung des Kletterpartners gelegt werden.

Das braucht etwas Zeit und steht dem schnellen Klettern im Wege.

Allerdings: Im leichten Gelände kann man das Seil fast immer einfach ablegen. Im schwierigen Gelände dauert der Vorstieg einer Länge wahrscheinlich eh etwas länger und die Seilübergabe fällt vergleichsweise weniger ins Gewicht.

Materialübergabe am Standplatz

Erreicht der Nachsteiger den Stand, hat er in typischerweise einiges an Material eingesammelt und somit wahrscheinlich mehr Hardware am Gurt als der Vorsteiger. Macht es dann nicht Sinn, dass er gleich in den Vorstieg übergeht, wenn er eh schon „das ganze Material“ am Gurt hat?

Dazu ein paar Gedanken:

  • Was ist mit jenen Seillängen, in denen der Vorsteiger nur wenig Material eingesetzt hat und somit am Stand noch das meiste am Gurt hat?
  • Wenn der Nachsteiger mit jeder Menge Material am Stand ankommt: Könnte er beim überschlagenden Klettern dann wirklich gleich weiter oder sollten nicht erst Keile, Cams usw. sortiert und entsprechend den Anforderungen der nächsten Seillänge am Gurt angeordnet werden? Und die Exen, hängen die schon richtig am Gurt?
  • Wie läuft das beim überschlagenden Klettern mit dem Rucksack und den Bandschlingen, die über der Schulter (und dem Rucksack) getragen werden?
  • Falls man nur einen Klemmkeilentferner dabei hat: Denkt man immer daran, ihn zu tauschen?
  • Falls ein Hammer mitgeführt wird, inkl. Halterung am Gurt: Wie läuft das dann?
Kletterin an der Vinatzer-Messner-Route der Marmolada Südwand im Nachstieg
Vinatzer-Messner, Marmolada Südwand. Foto: F. Miller

Umbau der Sicherung von Nachstieg auf Vorstieg

Dieser letzte Punkt wir immer wieder genannt, wenn die vermeintlichen Vorteile des überschlagenden Kletterns aufgezählt werden. Und ja: Sichert man Vor- und Nachstieg mit der Halbmastwurfsicherung am Fixpunkt (oder Zentralpunkt) oder wendet die Körpersicherung mit Plus-Clip an, dann muss die Sicherung (theoretisch) nicht umgebaut werden.

Allerdings ist das Nachsichern mittels Halbmastwurfsicherung als Sicherungstechnik nur selten sinnvoll und die Relevanz der Plus-Clip-Variante geht in Richtung null. Jedenfalls nach meiner Sicht.

Daraus folgt: Selbst beim überschlagenden Klettern wird man die Sicherung umbauen – typischerweise von der Plate (Nachstieg) auf Tube oder HMS (für den Vorstieg). Und: Der ganze Vorgang kann während des Nachsicherns vorbereitet werden und dauert dann nur wenige Sekunden!

Überzeugt?

Wie auch immer: probiert es aus, gebt der Sache eine Chance. Das Umstellen gewohnter Abläufe mag eine Hürde darstellen, aber allzu groß sollte sie nicht sein. Schließlich wird das Schema vom Klettern in der Dreierseilschaft oder dem Klettern mit einem weniger starken oder weniger erfahrenen Partner bekannt sein.

Und nicht vergessen: Alpinklettern erfordert mit Blick auf die angewandten Techniken und Taktiken eine hohe Flexibilität. Starre Regeln sind weniger hilfreich, ein solides Fundament an Wissen und Können umso mehr. Und Mitdenken ist immer eine gute Idee!  

Zwei Bergsteiger auf der Gipfelnadel des Salbit
Nach einer Begehung des Salbit Westgrats am Gipfel. Foto: F. Miller

Achtung!

Alpinklettern ist gefährlich! Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in diesem Beitrag erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen dieses Beitrags resultieren.

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Bergfreund Fritz

Zum Klettern und Bergsteigen kam ich, weil etwas wie eine große Faszination für die steile Welt in mir verankert ist (und durch ein paar Zufälle). Sicher ist es zu viel zu früh für ein Fazit. Aber wenn ich auf meine mittlerweile rund 25 Kletterjahre zurückblicke, denke ich, dass ich den Bergen und Wänden viel zu verdanken habe.

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