Beim Testen kam mir deshalb öfter die Fun Scale des Bergsteigers Kelly Cordes in den Sinn. Er teilt Outdoor-Spaß in verschiedene Typen ein. Typ 1 ist der Spaß im Moment: der unmittelbare Kick, mit dem Downhill-Bike den Trail hinunterzubrettern. Typ 2 beschreibt Erlebnisse, die währenddessen eher nach Elend als nach Vergnügen aussehen – mit einem 21-Kilo-Rucksack bei Dauerregen den Fimmvörðuháls-Pass in Island zu überqueren, zum Beispiel. Im Moment eine elendige Schufterei. Im Nachhinein aber eine legendäre Geschichte, mit der man in 30 Jahren noch die Enkelkinder nerven wird.
Ein Zelt, das Spaß macht
Manchmal wirkt es, als hätten sich viele Ultralight-WanderInnen damit arrangiert, dass Ultralight zwangsläufig Typ-2-Spaß bedeutet: weniger Platz, empfindlichere Materialien und die sprichwörtlich abgesägte Zahnbürste, die selbst das Zähneputzen im Camp noch zur Gewichtsoptimierung macht. Das MT900 wirkt dagegen wie der bewusste Versuch, leichtes Wandern zu ermöglichen, ohne den Komfort völlig dem Grammzählen zu opfern – und das Erlebnis wieder stärker in Richtung Spaß im Moment zu verschieben.
Von der einen Seite erbt das MT900 eine klare Trekking-DNA: Es ist dafür gemacht, mit auf Tour zu gehen, Tag für Tag aufgebaut, eingepackt und weitergetragen zu werden. Gleichzeitig merkt man dem Zelt an, dass Simond hier nicht jedes Gramm bis zur letzten Konsequenz herausgerechnet hat. Das MT900 will nicht das minimalistischste Zelt im Rucksack sein, sondern eines, mit dem man unterwegs auch dann noch gerne klarkommt, wenn der Tag lang, das Wetter mäßig und die eigene Geduld begrenzt ist. Und vor allem: Es ist ein Zelt, das leichte Trekkingtouren überhaupt erst zugänglich macht, weil man es sich leisten kann.
Das Simond MT900 gibt es in drei Größen: als 2-, 3- oder 4-Personen-Zelt. Der größte Unterschied zwischen den Varianten liegt neben Volumen und Gewicht in der Apsis: Bei der 3- und 4-Personen-Version fällt diese deutlich geräumiger aus, weil hier ein zusätzlicher Gestängebogen den Vorraum aufspannt. Für diesen Test habe ich mir die 3-Personen-Variante angeschaut.
Das Zelt gibt es ausschließlich in Sandbeige – einem hellen Beige mit leichtem Khaki- bzw. Olivstich. Eine Farbe, die sich in Wüstenlandschaften gut einfügt und damit ideal für Bergfreund Stephans Trekkingtour zwischen Atlas und Sahara in Marokko gewesen wäre.
Gewicht und Transport
Das Gesamtgewicht des MT900 für 3 Personen liegt nachgemessen bei rund 3110 Gramm. Wird das Zelt von 2 bzw. 3 Personen genutzt, kommen wir also auf ein pro Personengewicht von rund 1,5 kg bzw. 1 kg. Angesichts der zahlreichen Komfortfeatures ein durchaus respektables Gewicht.
Der Transportsack ist dabei ganz dem Komfort gewidmet: Statt eines einfachen, eng geschnittenen Packsacks bekommt man hier einen großvolumigen Kompressionssack mit Rollverschluss, in dem das Zelt easy hineinpasst und per Kompressionsriemen im Volumen reduziert werden kann. Der Packsack ist mit rund 66 g entsprechend auch kein Federgewicht. Vollgepackt nimmt das Zelt ein Volumen von 16,8 Liter im Rucksack ein.
Aufbau
Beim Aufbau merkt man sofort, dass das MT900 von Simond aus demselben Herstellerhaus kommt, das mit seinen raffinierten Wurfzelten Generationen an heranwachsenden FestivalbesucherInnen die Qual des komplizierten Zeltaufbaus erspart hat.
Denn auch beim MT900 ist die Konstruktion durchdacht und auf einfache Handhabung ausgelegt. Das Zelt besteht im Grunde aus drei zentralen Komponenten: dem vormontierten Zeltkörper, bei dem Innen- und Außenzelt bereits eingeklippt verbunden sind, den Zeltstangen sowie Heringen. Das Innenzelt kann auch ausgehängt werden.
Die Zeltstangen werden durch die farblich markierten Gestängekanäle geschoben, das Zelt wird auf Spannung gebracht und anschließend mit Heringen und Abspannleinen im Boden fixiert. Gerade ein sauberes Abspannen ist dabei wichtig, denn Tunnelzelte, wie das MT900, sind von Natur aus nicht freistehend.
Praktisch: Das Aufspannen des MT900 erfordert nur auf einer Seite eine Befestigung in den Gestängeösen; auf der jeweils anderen Seite sorgt der geschlossene Gestängekanal für die notwendige Spannung.
Alles in allem, auch für Trekking-Novizen ein absolut einfacher Aufbau.
Schlafbereich
Die Grundfläche des Schlafbereichs ist für ein Trekkingzelt großzügig bemessen: Die Kabine ist 210 cm lang, im oberen Bereich 190 cm breit und verjüngt sich zum Fußende auf 135 cm. Pro Person bleiben damit rund 60 cm Liegebreite – also ziemlich genau die Standardbreite vieler Trekking-Isomatten. Drei Personen kommen im Simond MT900 somit grundsätzlich gut unter. Wer allerdings mit besonders breiten Matten unterwegs ist (wie die Stoic-Matratze im Foto), sollte die Platzsituation vor der Tour einmal überprüfen, um böse Überraschungen im ersten Camp zu vermeiden. Größere Ausrüstungsgegenstände gehören besser in die Apsis. Dazu gleich mehr.
Die Innenhöhe im Hauptsegment des Schlafbereichs liegt zwischen 100 und 110 cm und erlaubt komfortables Sitzen auch für größere Menschen wie mich – dank der Tunnelbauweise ist das auch außen gegeben. An der Stirnseite läuft das Zelt bis zu einer Innenhöhe von ca. 35 cm ab. Für die meisten empfiehlt sich also eine Schlafposition mit dem Kopf zur Mitte des Zelts.
Im Schlafbereich zeigt sich das Argument Komfort vor allem auch an einer Reihe funktionaler Details: So gibt es eine Wäscheleine und drei Haken an der Decke, sowie 6 Stretch-Taschen am Fußende und jeweils zwei an der Längsseite.
Aufenthaltsbereich
Ein zentrales Merkmal des MT900 ist die große Apsis – wobei sich der Begriff hier etwas falsch anfühlt. So handelt es sich eher um einen separaten Aufenthaltsbereich, der mit 3,4 m² Grundfläche und ähnlicher Innenhöhe beinahe so groß ist wie der Schlafbereich. Das ist auch der größte Unterschied zur 2-Personen-Variante des Zelts: Dort fällt die Zelthöhe ab dem mittleren Gestängebogen hin zum Boden ab, während ab der 3-Personen-Variante durch einen zusätzlichen Gestängebogen mehr nutzbaren Raum entsteht.
Die große Apsis ist besonders auf Touren praktisch: Rucksäcke, Schuhe und andere Ausrüstung lassen sich getrennt vom Schlafbereich und dennoch wettergeschützt verstauen. Auch wer mit Hund auf Weitwanderung ist, profitiert vom zeltbodenlosen Vorbereich: Der Vierbeiner kann dort geschützt schlafen, ohne dass scharfe Krallen den Boden der Schlafkabine beschädigen.
Im Vorraum ist zudem eine weitere Wäscheleine angebracht. Wer den Vorraum wohnlicher gestalten will, kann für diese eine separat erhältliche Bodenplane erwerben.
Das MT900 3-Personen kommt mit einer Außentür aus, die in den Vorraum führt. Sie ist großzügig geschnitten und öffnet sich fast über die gesamte Höhe des Zelts.
Der Reißverschluss der Tür zwischen Schlafkabine und Aufenthaltsbereich folgt nahezu dem gesamten Zeltbogen und ist bodenseitig mit dem Innenzelt vernäht. Die Tür ist mit einem großflächigen Mesh-Element versehen. Wird sie geöffnet, entsteht ein rund vier Meter langer Innenraum, der für ein Trekkingzelt geradezu großzügig wirkt. Tagsüber finden hier auch mehrere Personen bequem zum Mittagessen Platz.
Bei Bedarf lässt sich das Mesh-Element mit einem Sichtschutz abdecken, sodass im Innenraum zwei optisch voneinander getrennte Bereiche entstehen. In der Praxis ist das ein spürbarer Komfortgewinn: Auch im Camp kann man sich so im Zelt ein Stück weit zurückziehen.
Ganz ohne Kompromisse kommt dieses Türdesign mit dem oben verlaufenden Reißverschluss allerdings nicht aus. Wer bequem aus dem Schlafbereich steigen möchte, muss die Zwischentür fast über die gesamte Länge öffnen. Vor allem bei voller Belegung ist es für die Person auf dem mittleren Schlafplatz schwierig, den Schlafbereich zu verlassen, ohne die anderen zu stören. Immerhin entfällt das umständliche Klettern über benachbarte Schlafplätze.
Belüftung und Kondensation
Kondensation entsteht, wenn warme, feuchte Luft auf eine kältere Oberfläche trifft und dort zu Wassertröpfchen kondensiert. Im Zelt passiert das vor allem nachts: Atemluft und feuchte Ausrüstung erhöhen die Luftfeuchtigkeit im Innenraum, während die Außentemperatur sinkt und das Außenzelt abkühlt. Kondenswasser bildet sich daher vor allem an der Innenseite des Außenzelts.
Beim MT900 von Simond lässt sich übermäßige Kondensation vor allem über die Belüftungsöffnungen an den beiden Tunnelenden reduzieren. Ist der Sichtschutz der Zwischentür geöffnet, entsteht ein wirkungsvoller Luftstrom durch das Zelt, sodass feuchtwarme Luft besser entweichen kann. Der doppelte Reißverschluss der Außentür ermöglicht es zudem, die Tür nur teilweise zu öffnen und so eine zusätzliche Lüftungsöffnung zu schaffen.

In der Praxis trägt aber auch die Doppelwandkonstruktion aus Außenzelt und Schlafkabine dazu bei, dass Kondensation weniger schnell zum störenden Problem wird. Selbst wenn sich Feuchtigkeit am Außenzelt niederschlägt, schützt das Mesh-Innenzelt Ausrüstung und Schlafsack zuverlässig vor vereinzelten Tropfen – ein klarer Vorteil gegenüber vielen einwandigen Ultralight-Zelten.
Materialwahl
Die Materialwahl des MT900 ist ein Spagat aus Gewicht, Robustheit und Preis. Beim Außenzelt setzt Simond auf Sil/PU-Polyester – also ein Polyestergewebe mit Silikon- und PU-Beschichtung. Für ein Trekkingzelt ist das ein praxisnaher Kompromiss: leichter und kompakter als viele klassische Campingmaterialien, aber weniger kompromisslos als reine Ultraleicht-Gewebe. Auch bei Herstellern wie Durston, Tarptent oder Big Agnes sind beschichtete Polyester- und Nylongewebe in diesem Segment weiterhin weit verbreitet.
Noch leichter wäre das futuristische Dyneema Composite Fabric, das Simond etwa beim Sprint Ultra Light Dyneema 2 verwendet. Für das MT900 wäre dieser Ansatz allerdings weniger passend: Dyneema ist sehr leicht, aber deutlich teurer, lichtdurchlässiger und empfindlicher gegenüber Abrieb sowie punktueller Belastung als klassische beschichtete Zeltstoffe.

Das Innenzelt besteht aus Polyamid mit Mesh-Einsätzen, das Gestänge aus Aluminium. Die Reißverschlüsse sind Eigenfabrikate, wirken aber wertig und laufen angenehm leichtgängig.
Positiv ist auch die Reparierbarkeit: Im Lieferumfang sind zwei schwarze Reparaturflicken enthalten, zudem bietet Simond für viele Bestandteile des MT900 Ersatzteile an, darunter Flicken und Zeltstangensegmente. Da das Zelt mit wenigen ungewöhnlichen Spezialteilen auskommt, dürften kleinere Reparaturen auch mit generischen Ersatzteilen gut möglich sein.
Schutz gegen Wind und Wetter
Das Außenzelt besitzt laut Simond eine Wassersäule von über 2.000 mm, der Zeltboden 3.000 mm. Vereinfacht gesagt beschreibt dieser Wert, welchem Wasserdruck ein Material standhält, bevor Wasser eindringt. Für die Praxis bedeuten diese Werte: Das Außenzelt ist gut gegen normalen bis kräftigen Regen geschützt.
Wichtig ist dabei aber auch der richtige Aufbau. Das Außenzelt sollte straff abgespannt sein, damit Regen sauber abläuft und sich keine Wassersäcke bilden. Außerdem sollten Ausrüstung, Kleidung und Schlafsäcke nicht direkt gegen die Zeltwand drücken, da Feuchtigkeit durch Druck- und Dochteffekte leichter nach innen gelangen kann.
Die höhere Wassersäule des Zeltbodens ist sinnvoll, weil dort durch Körpergewicht, Isomatten und Ausrüstung deutlich mehr Druck auf das Material wirkt.
Auch beim Windschutz macht das MT900 auf dem Papier einen guten Eindruck. Laut Hersteller hält das Zelt Windgeschwindigkeiten von bis zu 70 km/h aus allen Richtungen stand – also auch bei Seitenwind. Das ist bei Tunnelzelten besonders relevant, weil sie ihre größte Stabilität in der Regel längs zum Wind ausspielen. Mit seinen 21 Abspannpunkten lässt sich das MT900 jedoch rundum sauber sichern und wirkt entsprechend gut auf windige Bedingungen vorbereitet.







